Ist eine ganzjährige Fütterung unserer Wildvögel sinnvoll?

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Seit Jahren ist die Zahl einheimischer Wildvögel rückläufig und die Nahrungssuche wird für sie immer schwieriger. Viele Ornithologen rufen deshalb zur ganzjährigen Fütterung (auch angepasste, ganzjährige Zufütterung genannt) unserer Vögel auf.

Für alle Vogelfreunde hat der Vogelexperte Peter Uwe Bauer einige wertvolle Tipps zur ganzjährigen Fütterung parat.
Darüberhinaus teilt er sein Fachwissen und seine Erfahrungen auf der Gartenvögel-Informationsseite und in der Facebook-Gruppe „Gartenvögel“. Interessierte erhalten hier weitere wertvolle Tipps und Informationen rund um unsere Gartenvögel.

Hallo Peter,
danke, dass du heute deine Tipps zur ganzjährigen Fütterung mit uns teilst. Wobei es ja richtigerweise „angepasste, ganzjährige Zufütterung“ heißt.

Kannst du uns sagen, warum das der korrekte Begriff ist?

Angepasste, ganzjährige Zufütterung deshalb, weil die Vögel weiterhin Futter in der Natur suchen und „angepasst“, da sich das Fütterungsverhalten nach dem Angebot der Umgebung richtet. Gibt es viele Insekten und Co. wird weniger Futter benötigt und umgekehrt.

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Warum ist eine ganzjährige Fütterung bei unseren Wildvögeln so wichtig?

Da seit einigen wenigen Jahren Begriffe wie „Insektensterben“ und „Stummer Frühling“ durch die Medien gehen, muss eigentlich jedem, der das hört bewusst sein, dass etwas nicht in Ordnung ist und wir der Natur helfen müssen, bevor es weiter bergab geht.
Aussagen wie, „Vögel nur bei geschlossener Schneedecke füttern“ müssen der Vergangenheit angehören. Und wenn man sich erst einmal mit dem Thema beschäftigt, dann leuchtet einem das auch ein.

Mir persönlich wurden die Augen geöffnet, als ich das Buch „Vögel füttern – aber richtig“ von Professor Peter Berthold gelesen habe.
Insofern kann ich jedem nur empfehlen dieses Büchlein zu lesen, denn erst dann werden viele Zusammenhänge klar. Ich bin mir sicher, dass man danach zu einem „Ganzjahres-Fütterer“ wird!

Aber zurück zur Ausgangsfrage: Warum ist es so wichtig?
Aus diversen Gründen wird es für die Wildvögel immer schwieriger natürliche Nahrung zu finden.

Und dies insbesondere auch in der Brutzeit, also genau dann, wenn die Vögel für die Aufzucht ihrer Brut und für sich selbst am meisten energievolle Nahrung benötigen.

Nicht im Winter (und bei geschlossener Schneedecke) benötigen die Vögel die größte Unterstützung, sondern im Frühling und Sommer, wo es an das Brutgeschäft geht.
Zwar ist die Zufütterung im Winter genauso wichtig, da ein Vogel in einer eiskalten Nacht zwischen zehn und fünfundzwanzig Prozent seines Körpergewichts verliert.
Außerdem haben Vögel im Winter weniger Zeit, um ausreichend Futter zu finden.

Aber im Sommerhalbjahr benötigen unsere Gartenvögel das Fünfundzwanzigfache an Energie im Vergleich zum Winter!
Dieser erhöhte Energiebedarf resultiert aus dem gesteigerten Verbrauch für die Balz, das Brutgeschäft und der damit verbundenen intensiveren Flugtätigkeit, sowie der Mauser.

Ein Beispiel:
Unsere Vögel brauchen pro Tag etwa ein Drittel des eigenen Körpergewichtes an Nahrung, um ihre hohe Betriebstemperatur aufrechtzuerhalten.
Eine Blaumeise zum Beispiel, benötigt täglich 3 Gramm Insekten, was in etwa 800 Blattläusen entspricht!

Der Rückgang an Insekten-Biomasse bedeutet jedoch für alle Vögel, dass sie immer weitere Flugstrecken für die natürliche Nahrungssuche zurücklegen müssen. Fliegen wiederum bedeutet einen entsprechend hohen Energieaufwand.

Um diesen aufbringen zu können, brauchen die Vögel unbedingt unsere Hilfe.

Ohne Zufütterung haben viele Vogel-Küken nur eine geringe Überlebenschance. Bei Futtermangel werden oft nicht alle Eier ausgebrütet und der Vogelbestand noch mehr gefährdet.

Die Wildvogel-Population ist ja auch in Deutschland weiter rückläufig. Was sind die Gründe dafür?

Als Hauptgrund sehe ich die immer weiter zunehmende Intensivierung der Landwirtschaft, den Verlust an naturnahen Flächen, Biotopzerstörungen und den Einsatz von Unkrautvernichtungsmitteln.
Damit einhergehend ist der Rückgang der Insektenpopulation sowieso auch der für Körnerfresser notwendigen Sämereien.
Auf die vielen weiteren Gründe kann man nur in einem Nebensatz verweisen, wie z. B. Lichtverschmutzung, steigendes Verkehrsaufkommen, zunehmende Erschließung von Gebieten für den Tourismus, Versiegelung von Flächen durch Überbauung und vielem mehr.

Ein Beispiel, das auch Professor Berthold gerne anführt: Wenn ich an Fahrten mit meinen Eltern als Kind in den Urlaub nach Österreich denke, dann kann ich mich gut erinnern, dass mein Vater sehr oft an Tankstellen anhalten musste, um die Windschutzscheibe von den Unmengen von Insekten zu reinigen.
Wer muss heute noch aus diesem Grunde eine Tankstelle anfahren?

Berthold führt an, dass der Rückgang der Insekten noch weitaus dramatischer ist, als der der Vögel. Innerhalb von 25 Jahren (1989 – 2014) um 80 % Biomasse. Bei Vögeln hat der Rückgang um 80 % seit 1800 etwa 200 Jahre gedauert.

Auch das kaum vorstellbar: Da wo im Jahre 1800 zehn Vögel gesungen haben, da singen heute nur noch zwei Exemplare!
Und es wird sicher so weiter gehen, wenn wir nichts unternehmen.

Was kann ich persönlich tun, um unseren Gartenvögeln zu Hause übers ganze Jahr zu helfen?

Ganz wichtig, weg von dem Klischee: „Nur bei geschlossener Schneedecke füttern!“ und natürlich sich informieren!
Je nach Wohnsituation (Garten, Balkon etc.) und den eigenen finanziellen Mitteln sollte man schauen, dass man den Gartenvögeln eine ganzjährige, sogenannte Zufütterung anbieten kann.
Hat man einen Garten, sollte dieser möglichst naturnah gestaltet werden. Zusätzlich Nisthilfen anbieten, denn auch die natürlichen Nistmöglichkeiten werden immer weniger.
Und: Wasser zum Baden und Trinken!

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Mit diesen Tipps wird dein Garten zu einem Vogelparadies

Welche Futterbestandteile sind bei der ganzjährigen Fütterung besonders empfehlenswert?

Das hängt natürlich von den Vorlieben der Gartenvögel ab, ob Körnerfresser, Weichfutterfresser oder Allesfresser (Gemischtfresser).

Grundsätzlich geeignet sind Sonnenblumenkerne (schwarz, schwarz-weiß oder geschält), geschälte Erdnüsse, Meisenknödel, Fettblöcke und Weichfutter, wie z. B. geölte Haferflocken.
Prinzipiell lässt sich sagen, dass der Anteil an Getreide (und Füllstoffen) bei gekauftem Mischfutter möglichst gering sein sollte, denn dieses wird von den meisten Vögeln einfach nur aussortiert!
Dazu gehören z. B. Buchweizen, Weizen, Hafer, Gerste, Dari und Alfalfa (Luzerne).

Und dann noch Insektenfutter lebend oder gefriergetrocknet. Bei Letzterem aber möglichst rehydriert, also in Wasser eingeweicht und dadurch bekömmlicher gemacht.

Also ist es sinnvoll, beispielsweise Mehlwürmer zu füttern?

Bis vor einigen Jahren habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht, bis es im April 2017 zu einem Kälteeinbruch kam und es in den Nistkästen schon zwitscherte. Ich habe mich informiert und bin kurzerhand losgefahren und habe ein paar Schachteln lebende Mehlwürmer besorgt.
Auch 2019 kam es zu so einem Kälteeinbruch und ein Artikel von mir in der lokalen Presse führte dazu, dass sämtliche Mehlwürmer im Umkreis ausverkauft waren und die Baumärkte sich über den Ansturm wunderten.

Außerdem sollte man sich bei der Verfütterung von Mehlwürmern nicht verunsichern lassen. Genauso wenig wie daran, ganzjährig und nicht nur bei geschlossener Schneedecke zu füttern!

Mehlwürmer sind ein ausgezeichnetes Zusatzfutter, um insbesondere Brutverluste zu vermeiden.
Unsere Gruppengründerin (der Facebook-Gruppe „Gartenvögel“) hat es einmal so formuliert:
Einen lebenden Mehlwurm kann man sich gut als ein „Milchfläschchen für Vogelbabys“ vorstellen, denn damit erhalten sie ein ausgewogenes Nahrungsangebot aus Proteinen und der benötigten Flüssigkeit.

Außerdem sollte man sich nicht von Aussagen wie „getrocknete Mehlwürmer sind nur leere Hüllen ohne Nährwert“ verunsichern lassen. Dem ist nicht so – im Gegenteil!

Durch das spezielle Gefriertrocknungsverfahren wird den Mehlwürmern ausschließlich die Feuchtigkeit entzogen. Sodass danach relativ zum Gewicht gesehen, die Nährwerte von getrockneten Mehlwürmern sogar höher sind als die von lebenden Mehlwürmern.
Um die gefriergetrockneten Mehlwürmer bekömmlicher für die Vögel zu machen, werden sie (zur Brutzeit) vorher für etwa zehn Minuten in 30 Grad heißem Wasser eingeweicht und können bedenkenlos angeboten werden.
Da es sich um richtige Kalorienbomben handelt (30-45 % Fettgehalt und ca. 55 % Proteingehalt), sollte man zumindest zur Brutzeit von einem Einweichen in (Sonnenblumen-) Öl absehen, was sonst aber auch kein Problem ist.

Seit meinem Erlebnis habe ich immer ein paar Beutel gefriergetrocknete Mehlwürmer parat, sodass ich jederzeit ein kleines Festmahl anbieten kann.

Unsere Produktempfehlungen zur ganzjährigen Fütterung einheimischer Wildvögel

Wie sieht eine gute Futterstelle für unsere Wildvögel aus?

Da gibt es leider eine ganze Reihe von Dingen zu beachten.

Eine „gute“ Futterstelle zeichnet sich erst einmal dadurch aus, dass es, wenn der Platz es erlaubt, nicht bei einer einzigen Futterstelle bleibt.
Diversität ist gefragt, um möglichst auch den unterschiedlichen Vorlieben der potenziellen Gäste gerecht zu werden. Aber auch, damit sich die Vögel aus dem Wege gehen können.

Wir können unterscheiden zwischen dem klassischen Vogelfutterhaus und diversen anderen Futterapparaten, wie z. B. Futtersilo für Körner, Gittersilo (für Körner oder Erdnüsse), Knödelsilos diverser Form (ob Säule, Kreis oder Spindel) und Energieblockhalter.

Hygiene ist auch ein wichtiger Punkt!
Denn beim Futterhaus besteht immer die Möglichkeit, dass Vögel auch hineinkoten und so das Futter verunreinigen.
Damit das Risiko von Krankheitsübertragungen minimiert wird, sollte man es regelmäßig reinigen.
Ansonsten ist das Futterhaus eine gesellige Möglichkeit für viele Vogelarten sich auch untereinander (oder nacheinander) zu treffen.

Alle anderen Vorrichtungen sind zwar pflegeleichter, trotzdem sollte man regelmäßig kontrollieren, ob durch eindringende Feuchtigkeit eine Schimmelbildung stattgefunden hat.

Also, auch Vogelfütterung als Hobby ist eine verantwortungsvolle Aufgabe!

Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Standortauswahl.
Hier gilt: Möglichst nicht auf völlig freier Fläche, sondern in der Nähe von Hecken, Gebüsch oder anderen Versteckmöglichkeiten.

Und wie sieht es mit Wasser aus? Sollte man, wenn möglich, auch Wasserstellen einrichten? Wie sollte eine vogelgerechte Wasserstelle aussehen?

Jawohl, man sollte, wenn möglich, auch Wasserstellen einrichten, um den Gartenvögeln einerseits die Gefiederpflege zu ermöglichen und andererseits das nötige „Trinkwasser“ zur Verfügung stellen.
Und das, sowohl im Sommer als auch im Winter, wobei wir im Winter daran denken sollten die Badeschalen frostfrei zu halten.

Auch hier ist auf Hygiene zu achten.
Außerdem sollte das Wasser regelmäßig gewechselt werden, um das Verbreiten von Keimen zu vermeiden. Am günstigsten ist es, wenn man mehrere Bade-/Trinkschalen im Wechsel in Betrieb hat.
So werden die ausgetauschten Gefäße gesäubert und einmal komplett getrocknet. Dies ist eine ausgezeichnete Maßnahme, um Krankheitserreger abzutöten.

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Sollte man die Vögel in unseren Gärten auch beim Nisten unterstützen? Wenn ja, wie genau?

Man sollte auf jeden Fall so gut es geht unterstützen, so gering der Platz auch sein mag. Denn auch die natürlichen Nistmöglichkeiten werden immer weniger.
So kann man durch Anbringen von möglichst unterschiedlichen Nistkästen an Bäumen und Hauswänden Brutmöglichkeiten anbieten.

Wenn man über einen eigenen Garten verfügt, ist ein unaufgeräumter Garten mit Hecken, berankten Hauswänden, Totholzhaufen etc. perfekt.
Denn nicht alle Vögel beziehen Nistkästen, sondern bauen ihre Nester selbst. Hierzu braucht es aber einer geeigneten Umgebung.

Letztes Jahr haben Rotkehlchen bei uns im Efeu gebrütet, nur einen Meter oberhalb des Wasserzapfhahns. Da war für einige Wochen Vorsicht angesagt. Und nur zwei Meter daneben brütete eine Amsel in einem von Efeu überwucherten alten Stumpf einer Fichte.

In meinem relativ großen Garten habe ich annähernd 40 Nistkästen und Nisthilfen angebracht. Die meisten davon werden jedes Jahr genutzt.
Gerade am heutigen Sonntag habe ich mir etwas Zeit genommen und die Nistkästen nacheinander aus der Ferne beobachtet. Erstaunlich, wie viele Nistkästen schon inspiziert oder genutzt werden.
So ist es z. B. schön zu sehen, wie der Kleiber die Einfluglöcher „seines“ Nistkasten jedes Jahr aufs Neue zukleibert, damit das Loch die richtige Größe für seine Angebetete hat.

Sollte man in den Sommermonaten darauf achten, das Futterangebot im Schatten zu platzieren oder ist das egal?

Das hängt natürlich von der Art des präsentierten Futters und von der Jahreszeit ab.
Futtersilo mit Sonnenblumenkernen oder anderen Saaten können sicherlich auch in der Sonne hängen.
Bei Meisenknödeln und anderem Fettfutter ist eine kurzfristige Sonnenexposition im Sommer zwar okay, aber bei längerer Sonneneinstrahlung wird man selbst darauf kommen, dass man nur noch geschmolzene Produkte auf dem Boden sieht.

Kann man seinen Garten „vogelfreundlich“ gestalten und so für natürliches Vogelfutter sorgen?

Natürlich kann man seinen Garten „vogelfreundlich“ gestalten, wenn man etwas Abstand von dem Prinzip nimmt, dass alles sauber und geleckt ausschauen muss.

Wenn man es selbst in der Hand hat, dann sollte man den eigenen Garten möglichst naturnah gestalten.
Also auch einmal einen Totholzhaufen für den Zaunkönig liegen lassen.
Den Wiesenblumen erlauben zu blühen und Samen auszubilden und nicht schon vorher alle zwei Wochen zu mähen (ich mähe auf einem Teil des Grundstückes nur noch zweimal im Jahr!).
Oder z. B. Disteln bis zur Samenreife für den Distelfinken stehen lassen.
Grundsätzlich sollte man möglichst einheimische Gehölze, Blumen und Kräuter im Garten pflanzen, nicht nur der Gartenvögel wegen, sondern auch zugunsten der Insekten!

Wie schön ist es doch zu beobachten, wie ein Dompfaff die Samen des Löwenzahns verspeist oder eine Kohlmeise reife Sonnenblumenkerne aus einer Sonnenblume pickt.

Und nicht zu vergessen: Zu einem „vogelfreundlichen“ Garten gehört auch eine Unterstützung durch Nisthilfen/Nistkästen sowie Trink- und Badewasserangebot.

Vielen Dank für das informative Interview.
Mehr Informationen zur ganzjährigen Fütterung unserer Wildvögel findest du auf der Facebookseite „Gartenvögel-Informationsseite“ und in der Facebook-Gruppe „Gartenvögel“.


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